4. Oktober: 800. Todestag des Franz von Assisi
Franziskus kontrovers
Das Leben des heiligen Franz ist gut erforscht. Dennoch werden manche Ereignisse bis heute unterschiedlich interpretiert. Franziskuskenner Niklaus Kuster greift drei davon auf.

Der heilige Franziskus mit den Wundmalen Jesu. Ein Detail auf einem Gemälde von Bartolomé Esteban Murillo (1617-1682). Bild: wikicommons
1. War der heilige Franziskus ein Kirchenreformer?
Eine berühmte Legende geht so: Im Jahr 1205 betet Franziskus in einer verfallenen Kapelle in San Damiano bei Assisi. Der junge Kaufmann ist in einer Sinnkrise. In der Kapelle zeigt eine Ikone Jesus Christus mit menschlichem Gesicht. Als Franziskus die Ikone betrachtet, beginnt sie mit ihm zu sprechen. Sie fordert ihn auf: «Geh und baue meine Kirche auf.» Daraufhin stellt Franziskus das Kirchlein wieder her.
Diese Erzählung wurde zwanzig Jahre nach dem Tod des Heiligen mit einer weiteren Geschichte verbunden, die sich zur gleichen Zeit ereignet haben soll: Papst Innozenz III. (1161–1216) habe im Traum einen armen Ordensmann gesehen, der die wankende Lateranbasilika in Rom stützte. Die Dominikaner und Franziskaner sahen in diesem Traum die Berufung ihrer beiden Orden gespiegelt: die Weltkirche in Krisenzeiten zu stützen.
Ein erfundener Traum
«Der päpstliche Traum vom Lateran ist Fake», sagt der Franziskuskenner Niklaus Kuster, Kapuziner in Rapperswil. «Die Dominikaner erfanden diesen um 1242, und die Franziskaner kupferten die Story ab.» Die Bettelorden erfanden den Traum, um ihre Existenz zu legitimieren, so Kuster: Denn die Bischöfe sahen die Bettelorden als Konkurrenz, ihnen sollte die Seelsorgetätigkeit verboten werden. «Dagegen wehrten sich die beiden Orden erfolgreich mit der Erfindung dieses Traums», so Kuster.
Innozenz III. politisierte mit seinen Träumen selbst mehrmals – auch deshalb verfing die Geschichte. «Dass Franziskus die Kirche in San Damiano restaurierte, steht ausser Zweifel», betont Kuster. Die Interpretation der Geschichte sei aber irreführend. «Franziskus hat das nicht getan, weil ihm die Ikone einen Befehl erteilt hätte, sondern weil er in der Kapelle die überraschende Nähe Gottes erfuhr und Franziskus Dankbarkeit verspürte», sagt Kuster. Es sei ihm nicht darum gegangen, die Kirche zu erneuern, indem er etwa einen Gegenpol zur mächtigen Stadtkirche von Assisi setzte. «In Franziskus’ eigenen Schriften kommen die Wörter ‹erneuern, aufbauen, stützen, wiederherstellen› überhaupt nicht vor. Seine Mission war es, Frieden in die Welt zu tragen», so Kuster.
2. Hat Franziskus den Sultan getroffen?
Während des Fünften Kreuzzugs (1217–1221) soll Franziskus den Sultan Malik al-Kamil im Nildelta getroffen haben. Bis heute fragen sich Forscher:innen, ob Franziskus dem Oberhaupt des sunnitischen Islams tatsächlich persönlich begegnet ist. Und wenn ja: Ging es ihm um den Frieden zwischen den Religionen oder wollte er den Sultan zum Christentum bekehren? Kuster ist von der Echtheit des Treffens überzeugt. Für ihn spricht zudem alles dafür, dass die Begegnung im Zeichen eines friedlichen interreligiösen Miteinanders stand. «Wie Franziskus war auch der Sultan erschüttert durch Krieg und Gewalt.
Er war ein friedliebender Mensch, überzeugt davon, dass das Miteinander der Religionen ein Gewinn ist und nicht primär ein Problem», so Kuster. Franziskus kam in Ägypten an, als die christlichen Kreuzritter gerade eine schwere Niederlage erlitten. Der Sultan machte daraufhin ein Friedensangebot. «Er hoffte nun auf eine vernünftige Antwort», so Kuster.
Berichte von Augenzeugen
Zwei weitere Argumente sprechen laut dem Franziskusforscher für die Echtheit der Begegnung: «Zum einen gibt es Zeugnisse von örtlichen Chronisten, etwa dem Kreuzfahrerbischof Jacques de Vitry. Er war selbst ein Kriegstreiber, berichtete aber von dem Treffen. Es versetzte ihn in Staunen, weil es dem Kreuzzug zuwiderlief.» Zum anderen zeigten die Schriften, die Franziskus nach seiner Ägyptenreise verfasste, was er vom Islam gelernt hatte, so Kuster: «Er schlägt zum Beispiel vor, in allen Völkern eine öffentliche Gebetseinladung einzuführen, ähnlich dem Ruf des Muezzins. Auch dichtete Franziskus ein Lied mit den schönsten Namen Gottes, inspiriert von der Weisheit des Islams, die Allah 99 schönste Namen zuschreibt. Aber auch die Ehrfurcht des Islams vor dem Koran beeindruckte Franziskus offenbar, wenn er schreibt: ‹Gehen wir sorgsam um mit den heiligen Worten.›»
Grund der Reise war eine Friedensmission
Dass der Grund der Reise eine Friedensmission war, steht für Kuster ebenfalls fest. Zwar sieht er Franziskus auch mit einer missionarischen Absicht losziehen: «Er will die Muslime von dem friedlichen Christus der Bergpredigt überzeugen. Es kommt aber anders: Er erfährt, dass es Gottesfreundschaft und Menschenliebe auch ausserhalb der eigenen Religion gibt. Tief beeindruckt vom Islam und erschüttert über das Verhalten der christlichen Kreuzritter kehrt er zurück
Zwei Jahre nach dieser Begegnung eroberten die Kreuzritter die Schlüsselstadt Damiette und nahmen Kurs auf Kairo, die Residenz des Sultans. Dieser flutete daraufhin das Nildelta. Das christliche Heer blieb im Morast stecken. Statt die Kreuzritter zu töten, fütterte der Sultan sie wochenlang durch, bis der kommandierende Kardinal den Friedensvertrag unterzeichnete.
3. Haben sich bei Franziskus die Wundmale Christi gezeigt?
Zwei Jahre vor seinem Tod zog sich Franziskus auf den Berg La Verna unweit der Tiberquellen zurück. Um das Fest der Kreuzerhöhung, am 14. September 1224, meditierte er dort mehrere Tage lang. Dabei sollen sich bei Franziskus sogenannte Stigmata ausgeprägt haben: körperliche Male an den Händen, den Füssen und am Brustkorb, die den Wundmalen Jesu ähneln. Ein Wunder, sagen die frühen Biografen des Heiligen und viele andere Franziskus-Fans bis heute. Die Stigmata zeigten die Nähe zu Jesus, seine besondere «Christus-Freundschaft».
Niklaus Kuster sieht dies skeptisch. Er geht davon aus, dass es sich um eine nachträgliche Legendenbildung handelt. «Es gibt keine Augenzeugen zu Lebzeiten. Selbst der Arzt, der Franziskus im Frühling 1225 vor einer Augenoperation untersuchte, bemerkte keine Stigmata, und auch Papst Gregor IX. hatte seine Zweifel», sagt der Kapuziner. Gregor sprach Franziskus am 16. Juli 1228 heilig, ohne die Stigmata zu erwähnen.
Kirchenpolitisch motiviert, drohte der Papst schliesslich 1237 allen Zweiflern die Exkommunikation an. «Das ist schon sehr seltsam», sagt Kuster. «Wenn eine Erzählung nicht überzeugt, wird mit Drohungen dafür gesorgt, dass die Zweifler verstummen. Das spricht nicht für Glaubwürdigkeit.»
Hautverfärbung durch Krankheiten
Für wahrscheinlicher hält Kuster, dass sich die Haut des Franziskus’ durch verschiedene Krankheiten an einigen Stellen veränderte. Wenn die Stigmata doch echt sein sollten, dann steht für Kuster fest: «Mit der Zeit auf dem Berg La Verna haben sie nichts zu tun. Das haben Quellenstudien deutscher Mittelalterhistoriker schon vor hundert Jahren gezeigt. Die Texte, die Franziskus auf La Verna verfasste, lassen nichts von Schmerz und Passion erkennen. La Verna war kein Kreuzesmoment für Franziskus. Er hat dort die Zuwendung Gottes gespürt, tiefe Freude, Zuversicht und Ermutigung.»
Niklaus Kuster

Der Kapuziner Niklaus Kuster (*1962) hat Geschichte und Theologie studiert und in Spiritualitätsgeschichte promoviert. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu franziskanischer Spiritualität und zu deren Rezeptionsgeschichte. Kuster lebt im Kloster Rapperswil.