Auf der Suche nach mehr

Das eigene Leben vor einem spirituellen Hintergrund reflektieren: Dazu kann geistliche Begleitung hilfreich sein. Zwei Personen erzählen von diesem wenig bekannten kirchlichen Angebot.

Von Sylvia Stam |  31.03.2025

Eine Kerze erinnert an «den Dritten», der in jedem geistlichen Begleitgespräch anwesend ist, wie Thomas Villiger formuliert. | Bild: i-Stock

«Das Leben ordnen, damit jemand wieder in seine eigene Kraft kommt», so beschreibt Brigitte Drescher das, was sie als geistliche Begleiterin tut. «Mein Gegenüber soll immer mehr Mensch werden», formuliert ihr Kollege Thomas Villiger. Er ist bei der Landeskirche Luzern für Liturgie und Spiritualität zuständig, Brigitte Drescher bietet die Gespräche im Auszeithaus in Beromünster an. 

Sinnfragen, Entscheidungen

Geistliche Begleitung sei «ein Gefäss, wo Menschen über ihr Leben erzählen, dieses reflektieren und so vor einem christlichen Hintergrund Körper, Geist und Seele in Einklang bringen», sagt Drescher. Traditionellerweise wurde dies von Ordensleuten und kirchlichen Angestellten in Anspruch genommen, heute steht dieses Angebot allen Menschen offen. Manche kämen mit Sinnfragen, andere mit Fragen zum eigenen Glaubensleben, aber auch Beziehungsprobleme, Entscheidungen oder eine neue Aufgabe könnten Thema sein. «Es sind Menschen auf der Suche nach mehr», umschreibt Drescher ihre Gesprächspartner:innen. «Auf der Suche nach einer Spiritualität, die ihnen eine Hilfe, ein Lebens-Mittel ist», ergänzt Villiger. Offenheit für Spiritualität brauche es schon, fügt er an, «ob sie das nun Gott, Quelle, Kraft oder höhere Macht nennen». 

Gott im Staub des Alltags

Dieses weite Verständnis von Spiritualität erklärt sich aus der Grundhaltung, die Thomas Villiger und Brigitte Drescher teilen. «Ich glaube, dass der Geist Gottes im Du und in mir wirkt, egal, ob Menschen sich dessen bewusst sind», sagt Drescher. Für den Theologen Villiger ist die Geschichte von Moses massgebend, der Gott im brennenden Dornbusch begegnet: «Gott geschieht im Staub des Alltags. Da ist heiliger Boden. Menschen sind also immer schon in Beziehung zu Gott.» 

 

Zuhören als Schlüssel

Wie aber gelingt es, Menschen mit dem göttlichen Kern, der in ihnen steckt, in Verbindung zu bringen? Durch Zuhören, sagen beide übereinstimmend. «Sehr oft kommt der Gast selber zu einer Erkenntnis», so die Erfahrung von Brigitte Drescher. «Ich gebe keine Ratschläge», sagt auch Thomas Villiger, «ich frage allenfalls kritisch zurück und sage: Nimm beides in den Blick und entscheide dich.» 

Der Theologe Thomas Villiger-Brun (57) und die frühere Berufsschullehrerin Brigitte Drescher-Baumeler (68) haben sich in geistlicher Begleitung weitergebildet. | Bilder: Conciatori, zVg

Ein geistliches Begleitgespräch ist für beide mehr als ein Zweiergespräch. «Wir sitzen zu zweit am Tisch und sind zu dritt», sagt Villiger, und verweist auf die Geschichte der Emmaus-Jünger, die unterwegs im Gespräch sind, als sich – unerkannt – Jesus zu ihnen gesellt. Als Ausdruck dieses «Dritten im Bunde» zündet er zu jedem Gespräch eine Kerze an. Auf dem Weg, mit der göttlichen Kraft in Verbindung zu kommen, sind für beide neben dem Gespräch Körperarbeit, Schweigen und Stille sehr hilfreich.

Schweigepflicht

Geistliche Begleiter:innen unterstehen wie Psychotherapeut:innen der Schweigepflicht. Was sie hören, dürfen sie nicht nach aussen tragen. «Ich mache keine Anamnese und therapiere die Menschen nicht, sondern ich gehe ein Stück Weg mit ihnen», sagt Thomas Villiger zur Unterscheidung. Wichtig sei auch der Abstand von vier bis sechs Wochen zwischen den einzelnen Gesprächen. «Dazwischen passiert oft ganz viel, das hat eine Kraft», sagt Villiger. Aus den Gesprächen wird deutlich, dass beide sich der Gefahr spirituellen Missbrauchs bewusst sind. «Es geht nicht um mich», sagt Thomas Villiger, «sondern um die Freiheit dieses Menschen. Seine Würde und seine Begabungen gilt es zu achten, damit er innerlich wachsen kann.» Drescher ergänzt: «Es geht darum, die Person zu dem guten Gott zu führen, der für ihn oder sie gut ist.» Dazu sei es unabdingbar, einen achtsamen Umgang auch mit sich selbst zu haben.

Hören, wer ich sein kann

«Wir begleiten Menschen auf der Suche nach Gott und sich selbst», heisst es auf der Schweizer Website für geistliche Begleitung. Hier findet sich ein Verzeichnis geistlicher Begleitpersonen, das nach Region gefiltert werden kann. Die meist einstündigen Gespräche finden über einen längeren Zeitraum im Abstand von rund vier Wochen statt. Als Kosten werden Fr. 30.– bis Fr. 80.– pro Stunde genannt.